Mama, heute füttere ich dich

Baby led weaning mal anders herum

Vor ein paar Tagen hatte ich aus verschiedenen Gemüsesorten aus dem Kühlschrank spontan eine Gemüsecremesuppe gekocht. Gemeinsam am Tisch sitzend verzehrten alle Familienmitglieder genüsslich ihre Suppe. Nachdem meine dreijährige Tochter ihren Teller leer gegessen hatte, setzte sie sich auf meinen Schoß und meinte bestimmt: “So Mama, und jetzt füttere ich dich.” Sie griff sich meinen Löffel, befüllte ihn mit Suppe und hielt ihn mir erwartungsvoll direkt vor den Mund. Ich starrte auf den Löffel und irgendwie schnürte sich mir der Hals zu. Jemand anderes wollte mir etwas in den Mund schieben. Auch wenn es sich dabei um meine eigene Tochter handelte und ich bereits wusste, was auf dem Löffel war und dass es mir schmeckt, musste ich mich überwinden, meinen Mund zu öffnen und den Löffel passieren zu lassen. Mir wurde bewusst, dass der Mund eine sehr sensible Region und immerhin auch eine Körperöffnung ist. Aber ich hatte ja in das Spiel eingewilligt und wollte es ihr nun nicht verderben. Kaum hatte der leere Löffel meinen Mund verlassen, wartete bereits die nächste Fuhre darauf, eingelassen zu werden. Allerdings genoss ich gerade noch die vorangegangene Portion. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, nicht in meinem Tempo fertig kauen und schlucken zu können. Hastig schluckte ich runter. Wieder öffnete ich meinen Mund, dieses Mal schon etwas widerstrebender, und ließ meine Tochter gewähren. Allerdings war die Bewegung des Löffels zu schwungvoll und er stieß hinten in meinem Mund an. Das war sehr unangenehm. Und auch das Herausziehen des Löffels aus meinem Mund kam zu früh. Ich hatte noch nicht alles abgeleckt. Meine Tochter zog den Löffel durch meinen noch geschlossenen Mund und strahlte mich an. Das war der Moment, wo ich sie bat, wieder alleine essen zu können. Etwas enttäuscht gab sie mir meinen Löffel zurück und ich war erleichtert, wieder Herr über mein Essen sein zu können.

Ich stellte mir vor, wie es sich wohl für ein Baby anfühlt, eine unbekannte Nahrung von einer anderen Person in den Mund geschoben zu bekommen. Diese Person entscheidet, was auf den Löffel kommt, wie schnell er nachgefüllt wird, wie weit er in den Mund gesteckt wird und wie lange er drin bleibt. Das weckte in mir ein beklemmendes Gefühl. Ich persönlich bin bei der Nahrungsaufnahme sehr sensibel: Ich bin etwas wählerisch und esse sehr langsam. Diese Freiheiten sind für mich selbstverständlich, gehen aber verloren, sobald jemand anderes die Führung über meine Nahrungsaufnahme übernimmt.

 

Ein Baby kann sich meist noch nicht verbal ausdrücken und seinem Gegenüber Hinweise geben, was und wie viel es essen möchte. Hier kommt es ganz besonders auf die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit des Erwachsenen an, die Signale des Babys zu erkennen und zu deuten. Oder wir belassen die Verantwortung für das Essen direkt bei unseren Babys, denn sie verfügen bereits von Anfang an über diese Kompetenz. Sie spüren Hunger und Sättigung und haben einen individuellen Geschmack. Sobald Babys die Beikostreifezeichen zeigen, können sie gemeinsam mit den Eltern am Familientisch sitzen und Fingerfood essen. Dabei spüren sie die Konsistenz des Essens, entdecken das Aroma jeder Zutat und können vom ersten Bissen an selbstbestimmt essen. Und auch ich werde meinen Löffel zukünftig wieder selbst in die Hand nehmen.

 

Die Beikosteinführung und die Beikostreifezeichen sind auch Thema in unseren BabySteps-Kursen.

 

Katja Schill

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Kommentare: 2
  • #1

    Lisa (Donnerstag, 04 August 2022 16:06)

    So sehr ich auch für BLW bin und das selbst auch großteils "lebe", find ich die Darstellung hier doch sehr überspitzt und übertrieben. Kann ich sehr schwer ernst nehmen. Meiner Meinung nach hat jemand für den es Überwindung ist sich vom eigene Kind füttern zu lassen ein erhebliches Problem.

  • #2

    Charly (Montag, 09 Januar 2023 14:21)

    Habe mich auf diese Seite verirrt auf der Suche nach einer Erklärung warum mein Baby mich zurückfüttern will. Ob das Nachahmung ist, Fürsorge oder gar ein Reflex um zu prüfen ob es wirklich „ungefährlich“ ist zu essen was ich anbiete. Nach der Lektüre muss ich feststellen, dass ich mich nie wieder auf diese Seite verirren werde. Ich hoffe die Autorin hat das Trauma von ihrem eigenen Kind mit ihrem eigenen Essen in einem leider nicht ganz perfekten Tempo gefüttert zu werden in der Zwischenzeit wohl überstanden und dass ihr Kind mittlerweile alt genug um sie nicht mehr zu füttern. Pures Selbstmitleid unter dem pseudointellektuellen Deckmantel der Selbstbestimmung eines Kleinkinds. Alles gute!